Türkische Pressvarianten der 1970er auf Vinyl erkennen
Türkische Pressvarianten der 1970er: So erkennen Sie Original, Nachdruck und Lizenzausgabe
Türkische Pressvarianten der 1970er auf Vinyl lassen sich vor allem über Plattenlabel, Matrizen im Auslaufring, Coverdetails, Firmenadressen und den Zustand der Pressung erkennen. Gerade bei Anatolian Rock, Arabesk, türkischem Pop und Volksmusik entscheiden oft winzige Details darüber, ob man eine frühe Originalausgabe, einen späteren Nachdruck oder eine seltene regionale Variante in der Hand hält.
Warum Pressvarianten überhaupt wichtig sind
Die türkische Plattenindustrie der 1970er war ausgesprochen lebendig, aber eben nicht sonderlich einheitlich dokumentiert. Labels wie Türküola, Uzelli, Odeon, Grafson, Şah Plak, Diskotür, Yonca oder Kervan brachten ein und dasselbe Album oft in mehreren Auflagen heraus, manchmal mit Jahren Abstand, manchmal fast zeitgleich in verschiedenen Presswerken.
Eine Pressvariante entsteht typischerweise, wenn:
- ein Album nach gutem Verkauf schlicht nachgepresst wurde,
- sich die Labelgestaltung oder Firmenanschrift zwischenzeitlich geändert hat,
- eine Lizenz für Deutschland oder ein anderes europäisches Land vergeben wurde,
- unterschiedliche Presswerke an der Produktion beteiligt waren,
- das Cover wegen neuer Vertriebs- oder Preisangaben angepasst werden musste.
Für Sammler zählen vor allem drei Kategorien: erste türkische Pressungen, originale Deutschland-Ausgaben für die Gastarbeiter-Community und seltene Kleinauflagen, von denen manchmal nur wenige hundert Exemplare existieren.
Das Plattenlabel genau untersuchen
Das Label in der Mitte der Schallplatte ist meist der schnellste erste Anhaltspunkt. Bevor Sie überhaupt an die Rille denken, lohnt sich ein Vergleich von Farbe, Logo, Schriftart und Textanordnung mit bekannten Exemplaren, etwa aus Online-Datenbanken oder eigenen Sammlungsfotos.
Typische Unterschiede auf Labels
Diese Merkmale verdienen besondere Aufmerksamkeit:
- Label-Farbe: Ein Album kann zuerst mit orangefarbenem, später mit blauem oder weißem Label erschienen sein. Bei manchen Türküola-Titeln lässt sich das fast wie an einer Zeitleiste ablesen.
- Logo-Position: Das Labelzeichen sitzt mal oben, mal unten, mal seitlich, je nach Druckcharge.
- Firmenname: Frühere Pressungen nennen häufig eine andere Gesellschaft als spätere Nachauflagen, manchmal nur eine leicht abgewandelte Schreibweise.
- Urheberrechtszeile: Formulierungen wie „Her Hakkı Mahfuzdur” oder zusätzliche Lizenzhinweise variieren von Auflage zu Auflage.
- Katalognummer: Prüfen Sie, ob Nummer und Präfix wirklich identisch sind oder ob ein Zusatz wie „LP”, „S” oder „Stereo” auftaucht.
- Seitenangabe: „A/B”, „1/2” oder türkische Begriffe können auf unterschiedliche Produktionschargen hindeuten.
Ein einzelnes abweichendes Detail ist noch kein endgültiger Beweis, das sollte man sich immer wieder vor Augen halten. Erst wenn mehrere Merkmale übereinstimmend in dieselbe Richtung zeigen, wird eine Zuordnung wirklich verlässlich.
Matrizen im Auslaufring lesen
Die wichtigste technische Kennzeichnung sitzt im sogenannten Auslaufring, also in dem schmalen Bereich zwischen der letzten Musikspur und dem Plattenlabel. Dort finden sich Zahlen, Buchstaben oder Symbole, teils eingraviert, teils eingestempelt, teils nur mit bloßem Auge kaum zu entziffern.
Diese Matrizen bestehen häufig aus einer Katalognummer, einer Seitenkennung und einer Schnittnummer. Ein „A1” deutet meist auf den ersten Schnitt der A-Seite hin, während „A2” oder „B3” auf spätere Schnitte oder überarbeitete Matrizen verweisen kann, etwa nachdem ein Presswerk gewechselt oder das Masterband erneuert wurde.
Worauf Sie bei Matrizen achten sollten
- Vergleichen Sie die eingravierte Nummer mit der Katalognummer auf Cover und Label, kleine Abweichungen sind aufschlussreich.
- Achten Sie sowohl auf handschriftliche als auch maschinell gestempelte Zeichen.
- Suchen Sie nach Abkürzungen von Presswerken oder Tonstudios, oft nur zwei oder drei Buchstaben.
- Kontrollieren Sie unbedingt beide Seiten: Manche Varianten unterscheiden sich nur auf einer einzigen Plattenseite.
- Fotografieren Sie die Matrix bei schrägem Licht (am besten mit einer Taschenlampe seitlich angeleuchtet), da feine Gravuren sonst kaum lesbar sind.
Ein wichtiger Punkt noch: Eine höhere Schnittnummer bedeutet keineswegs automatisch eine wertlose Platte. Manche späteren Schnitte klingen sogar besser, etwa wenn ein frisches Band oder ein sorgfältigeres Mastering zum Einsatz kam.
Cover, Rückseite und Innenhülle vergleichen
Auch das Cover verrät eine Menge über türkische Pressvarianten der 1970er auf Vinyl. Besonders oft ändern sich Rückseitentexte, Preisaufdrucke und Vertriebsangaben, während Vorderseite und Musik unverändert bleiben.
Diese Punkte lohnen einen genauen Blick:
- Adresse des Labels oder Vertriebs
- Druckerei-Vermerk, meist klein am unteren Rand
- Logo auf Vorder- und Rückseite
- Stereo- oder Mono-Hinweis
- Preisstempel oder Händleraufkleber
- Schreibweise von Künstler- und Songnamen
- Fotoausschnitt, Farbton oder Schriftgröße
Ein konkretes Beispiel: Zwei Ausgaben desselben Erkin-Koray-Albums können dieselbe Katalognummer tragen, aber komplett unterschiedliche Rückseitenadressen aufweisen. In so einem Fall handelt es sich meist um getrennte Auflagen, auch wenn die Musik Note für Note identisch ist.
Originale türkische Cover sind zudem oft ziemlich empfindlich: dünner Karton, Ringwear, handschriftliche Beschriftungen und geklebte Kanten sind eher die Regel als die Ausnahme. Ein abgenutztes Cover ist also für sich genommen noch kein Fälschungsbeweis, eher im Gegenteil: Es passt zum Alter.
Türkische und deutsche Ausgaben auseinanderhalten
In den 1970ern wurden viele türkische Künstler parallel für den europäischen Markt gepresst. Deutschland-Ausgaben erkennt man meist an deutschen Vertriebsadressen, GEMA-Hinweisen, abweichenden Preisangaben oder auffällig schwereren Covern, die für den westdeutschen Markt produziert wurden.
Eine türkische Erstpressung ist oft wertvoller, weil sie näher an der ursprünglichen Veröffentlichung liegt und häufig in kleineren Mengen hergestellt wurde, manchmal nur wenige Tausend Stück. Deutsche Pressungen sind deshalb aber keineswegs grundsätzlich minderwertig. Im Gegenteil: Sie sind oft besser erhalten, weil sie unter anderen klimatischen Bedingungen gelagert wurden, und können klanglich sogar durch hochwertigere Vinylmischungen überzeugen.
Achten Sie auf folgende Angaben:
- „Made in Turkey”
- „Made in Germany”
- deutsche Vertriebsfirma oder GEMA-Kennzeichnung
- türkische Gesellschafts- und Rechtehinweise
- abweichende Katalognummern zwischen den Ausgaben
Klang, Gewicht und Verarbeitung beurteilen
Die Haptik liefert zusätzliche Hinweise, sollte aber nie das einzige Kriterium sein. Viele türkische Originalpressungen fühlen sich spürbar leichter an als westdeutsche Schallplatten, manchmal fast wie eine andere Kategorie von Objekt. Das liegt an Material, Produktionsbedingungen und schlicht an der Auflagenhöhe.
Hören Sie bewusst auf folgende Merkmale:
- starkes Grundrauschen oder Knistern trotz sauberer Oberfläche,
- leichte Verzerrungen in lauten Passagen,
- unterschiedliche Lautstärke zwischen den beiden Seiten,
- enge oder ungleichmäßige Rillen,
- hörbar andere Songreihenfolge bei Lizenzpressungen.
Solche Eigenschaften sind oft schlicht produktionsbedingt. Sie bedeuten nicht automatisch, dass die Platte beschädigt oder gar unecht ist, manchmal ist es einfach der Klang der damaligen Presswerke.
Verlässliche Recherche vor dem Kauf
Bevor Sie viel Geld ausgeben, lohnt sich ein Blick in Fotos und Vergleichsdatenbanken. Discogs kann ein guter Ausgangspunkt sein, doch Vorsicht: Einträge sind dort gelegentlich unvollständig oder schlicht falsch zugeordnet, gerade bei kleineren türkischen Labels.
Fragen Sie Verkäufer ruhig konkret nach:
- vollständigen Matrixangaben beider Seiten,
- Fotos von Label und Rückcover,
- der Herkunft der Platte,
- eventuellen Stempeln oder Aufklebern,
- einem Klangtest an problematischen Stellen.
Notieren Sie eigene Beobachtungen am besten in einer Sammlungsliste. Mit der Zeit erkennen Sie typische Label-Schriftarten, Pressqualitäten und Coverdetails bestimmter türkischer Firmen fast auf den ersten Blick, das kommt tatsächlich mit der Übung.
Fazit
Wer türkische Vinyl-Pressungen der 1970er sicher bestimmen möchte, kombiniert Label, Matrix, Cover und Herkunft, statt sich auf ein einzelnes Merkmal zu verlassen. Sorgfältiger Vergleich schützt vor Fehlkäufen und macht die Suche nach seltenen Varianten am Ende genau das, was sie sein sollte: spannend.